Augsburg: (Un)Ordnung in der Registratur des Hochstifts Augsburg oder: eine nützliche Flucht
Wenn Sie als Forscher sich schon immer mal gefragt haben, warum Archivare Bestände neu ordnen, in diesem Vortrag erhalten Sie genauere Einblicke. Oft ist es lästig für Benützer, wenn in der Literatur seit Jahrzehnten genannte Signaturen zu gesuchten Archivalien auf einmal nicht mehr stimmen und die eigene (vielleicht schon kurz vor der Fertigstellung stehende) Arbeit plötzlich nochmal überprüft werden muss, weil es ein aktualisiertes Findmittel gibt.
Der Leiter begrüßte die Referentin Dr. Claudia Kalesse, stellv. Leiterin des Staatsarchives Augsburg, die online zugeschaltet war. Das Problem der Ordnung von Unterlagen kennt jeder von zu Hause. Vor allem in einem Archiv ist Ordnung sehr wichtig, da die Archivalien gut registriert und wiederauffindbar sein müssen. Zuerst ging es um die früheren Zustände zur Lagerung von Archivalien. Ein Beispiel aus dem Jahr 1777 zeugt von einem dunklen Raum, schlechten Lagerbedingen und besonders bei jedem Besuch des Fürstbischofes mussten die Unterlagen umgeräumt werden. Dabei ging auch immer wieder etwas verloren. In der Registratur war es kalt, der Raum war nicht heizbar. Im „Büroraum“ stand ein Ofen, geheizt wurde mit Holz. Hier war die Brandgefahr sehr hoch. Diese Zustände mussten geändert werden, dafür wurde 1777 ein Vorschlag zur Neuordnung der Registratur erarbeitet. Damals war das Pertinenzprinzip (Sortierung des Schriftgutes nach Themenfeldern wie Sachverhalten, Ereignissen oder Personen) verbreitet, die Unterlagen wurden nach Sachbegriffen organisiert, unabhängig davon, von welchem Amt sie herkamen. Anhand einer alten Übersichtskarte erläuterte die Referentin welche „Schwierigkeiten“ die Kleinteiligkeit und die zahlreichen Herrschaften auch heute noch bereiten und wie wichtig diese Karte für die heutige Forschung ist. Die Zersplitterung der Unterlagen führten auch zu schwierigen Recherchen, da der Zusammenhang oft fehlte. Das führte zu einer Umstrukturierung, die Neuordnung erfolgte nach Herrschaften, nach Behörden und Archiven. Aber auch dabei wurde manches nicht unbedingt richtig eingeordnet.Seit dem 19. Jahrhundert gilt das Provenienz-Prinzip (also nach der Entstehung). 1991/1992 erfolgte eine weitere Umstrukturierung, nämlich die Bereinigung der Akten und vieles vom Staatsarchiv München kamen nach Augsburg.Die Ordnung im 19. Jahrhundert erfolgte nach dem Schematismus – eine Ämtereinteilung, Stadt-, Rent-, Landämter usw. Einige Ämter wurden aufgelöst, auch das bereitete Schwierigkeiten. Während der Neusortierung kam es durch Kriegswirren zu Verlusten und es dauerte viel länger als geplant. Eine Besonderheit ist das Pflegamt Aislingen, da hier wenig2verlorengegangen ist. Frau Dr. Kalesse stellte die alte und die neue Ordnung vor. Sie ist feiner eingeteilt und gegliedert. Frau Kalesse selbst ordnet die Archivalien, Akten neu. Dafür wird das Programm ActaPro genutzt, die Struktur der Hauptregistratur wurde vorgestellt. Die Neuordnung des aktuellen Bestandes Hochstift Augsburg ist sehr kleinteilig und zeitaufwändig.
Herr Wegele dankte Frau Dr. Kalesse für den interessanten Vortrag, das Problem mit den unterschiedlichen Ordnungen/Sortierungen kennt jeder aus dem eigenen Haushalt. Da räumt man auch immer wieder um, weil der Platz knapp wird, oder das System unübersichtlich ist. Nun wissen wir auch, was „Flüchtung“ ist – die Flucht der Bücher vor dem Krieg. Nach dem Vortrag gab es einige Fragen, die die Referentin kompetent beantwortete. Ab Juli gibt es den virtuellen Lesesaal, man kann von zu Hause aus online recherchieren, Bücher vorbestellen, natürlich nur bei den Beständen, die bereits digitalisiert und freigegeben sind. Auch die handschriftlichen Registraturen werden digitalisiert und online gestellt. Bereits jetzt sind vereinzelte Bestände online einsehbar. Diese Entwicklung ist sehr positiv.
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